West Ham United und seine Davids

 

West Ham United, toastbrot81, CC BY-NC 2.0
Quelle: „West Ham United„, toastbrot81, CC BY-NC 2.0

Manchester City ist englischer Meister, PSG hat den ersten Platz in der Ligue 1 belegt und RB Leipzig ist in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Keiner dieser Vereine wäre auch nur annähernd so erfolgreiche ohne finanzstarke Investoren im Hintergrund. Viele Fans sehen in diesen Clubs daher nur Kunstprodukte, Spielbälle ihrer Mäzene, die den Wettbewerb verzerren. Der Grundtenor in Deutschland lautet in etwa so: Investoren sind böse und zerstören den Fußball, vor allem die Tradition. Im Ausland sind Investoren aber der Normalfall, City und PSG fallen hier lediglich durch die zugeschossenen Summen aus dem Rahmen. So Manchester musste im letzten Ligaspiel zum Beispiel noch einmal gegen West Ham United spielen, dessen Besitzer müssen allerdings wesentlich kleiner Brötchen backen.

 

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Anfang 2010 übernahmen David Gold und David Sullivan den Klub im Osten Londons. Beide starteten ihre Karriere in den 70ern mit – sagen wir mal – Herrenmagazinen und lernten sich dadurch kennen. Dabei blieb es jedoch nicht: Sullivan eröffnete Sexshops und ließ ein paar Billig-Pornos drehen, Hauptdarstellerin war übrigens seine damalige Freundin. 1982 musste er deshalb sogar ins Gefängnis, kam aber nach 71 Tagen wieder frei. Ihm wurde vorgeworfen von unmoralischen Geschäften zu leben. Sullivan und Gold weiteten ihr Geschäft im Laufe der Zeit aus und verdienten vor allem an Immobilien. Ganz verabschiedeten sich beide aber nie aus dem Erotik-Geschäft, so besitzt Gold zum Beispiel die in Großbritannien sehr bekannte Ladenkette Ann Summers.

Quelle: "Pinks 'n' Kinks", Rob Stradling, CC BY-NC-SA 2.0
Quelle: „Pinks ’n‘ Kinks„, Rob Stradling, CC BY-NC-SA 2.0

West Ham United war jedoch nicht ihr erster eigener Club: schon 1993 kaufte Sullivan den damaligen Zweitligisten Birmingham City F. C. und setzte die damals erst 23 jährige Karren Brady als Geschäftsführerin ein – damals und auch heutzutage ein Novum. Brady folgte den beiden Davids später nach West Ham und ist dort mittlerweile als stellvertretende Vorsitzende aktiv. In England ist sie ebenso durch die BBC-Serie „The Apprentice“ bekannt. Nachdem Birmingham 1993 in die dritte Liga abgestiegen war, schaffte der Club anschließend den direkten Wiederaufstieg und konnte 2001 sogar in die Premier League einziehen und sich dort vier Jahre ohne Unterbrechung halten. Acht Jahre später aber beendeten Sullivan und Gold ihr 16-jähriges Engagement und verkauften ihre Anteile. Größter Anteilseigner wurde daraufhin der Hongkonger Geschäftsmann Carson Yeung. Doch Birmingham hatte kein Glück mit ihm: erst vor wenigen Monaten wurde Yeung wegen Geldwäsche zu sechs Jahren Haft  verurteilt.

 

Die Rückkehr der verlorenen Söhne

Sullivan und Gold kehrten indes „nach Hause“ zurück. 22 Jahre zuvor besaßen sie schon einmal Anteile an West Ham. Nun stiegen sie im Januar 2010 wieder bei den „Hammers“ ein und zahlten  einer isländischen Bankengruppe 52,5 Millionen Pfund für 50 Prozent der Anteile von West Ham, nur vier Monate später legten sie nach und erwarben noch einmal zehn Prozent im Wert von acht Millionen Pfund. Auf einer Pressekonferenz gab Sullivan bekannt, es gäbe keinen anderen Club bei dem sie lieber wären. Auch Gold, der in seiner Jugend für West Ham gespielt hat meinte: „Das ist, was wir getan haben, wir sind nach Hause gekommen.“ Beide sind nach eigenen Angaben tief mit dem Verein verbunden und kauften den Verein, weder um Geld zu verdienen, noch als Spielzeug, wie es bei anderen Investoren der Fall sei. Sullivan erzählte der Daily Mail, den Club zu kaufen mache wirtschaftlich keinen Sinn, „aber David und ich sind hier nicht wegen des Geldes. Wir wollen für die Fans von West Ham das bestmögliche Team auf dem Platz haben, weil auch wir Fans sind.“  Beide haben ihren Anteil indes weiter aufgestockt und besitzen mittlerweile 86,2 Prozent des Clubs.

 

Große Stars und große Schulden

Als West Ham United im Jahr 2006 von einer isländischen Bankengruppe übernommen wurde, hatte der Verein circa 47 Millionen Pfund Schulden, nur drei Jahre später waren die Verbindlichkeiten auf fast sagenhafte 130 Millionen Pfund angewachsen. Dies lag zum Teil an den Verpflichtungen der beiden argentinischen Nationalspieler Carlos Tevez und Javier Macherano. Beide waren mit europäischen Topklubs in Verbindung gebracht worden, gingen jedoch nach West Ham – eine riesige Überraschung und zugleich die Top-Transfers des Sommers. Der Verein zahlte jeweils 12,8 Millionen Pfund Ablöse, jedoch gehörten ihm damit nicht automatisch alle Rechte an den Spielern. Die Agenturen Media Sports Investments und Just Sports Inc. im Fall Tevez beziehungsweise Mystere Services und Global Soccer Agencies im Fall Mascherano besaßen weiterhin Rechte an den Spielern, was später zu einer 5,5 Millionen hohen Strafe seitens der Premier League führen sollte. Die Liga sah in den komplizierten Verträgen eine Einflussnahme dritter auf die Spieler und den Club und damit einen Verstoß gegen vorherrschende Regeln. Tevez rettete West Ham dafür vor dem Abstieg, schoss die Irons zum 1:0 Sieg gegen Manchester United am letzten Spieltag und verhinderte so die Relegation. Statt West Ham stieg nun Sheffield United ab. Sheffield beschwerte sich allerdings darüber, dass die Hammers nur aufgrund der zweifelhaften Verpflichtung Tevez und eventuell regelwidriger Verträge mit Dritten in der Premier League bleiben konnten. Nach zweijährigem Disput einigten sich beide Vereine doch noch außergerichtlich und vereinbarten Ausgleichszahlungen von circa 20 Millionen Pfund an Sheffield. Tevez und Mascherano waren zu diesem Zeitpunkt schon lang fort. Tevez verließ West Ham nach nur einem Jahr, Mascherano sogar noch im Februar 2007. Die Irons erhielten nur jämmerliche 2,5 Millionen Pfund für Tevez. Das argentinische Abenteuer kostete den Club damit um die 50 Millionen Pfund und trug einen Großteil zum anwachsen des Schuldenbergs bei.

DV736848, Articularnos.com, CC BY-NC-ND 2.0
Tevez und Mascherano in der ersten Reihe rechts; Quelle: „DV736848″, Articularnos.com, CC BY-NC-ND 2.0

Gold und Sullivan hatten bei ihrem Antritt also keine leichte Hypothek. Zudem stieg West Ham in der Saison 2011/12 ab –  eine Katastrophe für jeden englischen Fußballverein. Durch den Verlust der immensen TV-Einnahmen aus der Premier League halbierte sich der Umsatz von 81 Millionen auf gerade einmal 40 Millionen Pfund. Um die geringeren Einnahmen auszugleichen, mussten West Hams Besitzer zusätzliche 32,2 Millionen Pfund in den Fußballverein investieren. Nach dem direkten Wiederaufstieg scheinen sich die Hammers nun sportlich im unteren Premier League Mittelfeld zu stabilisieren. In der Saison 2012/13 belegten sie den zehnten Platz, dieses Jahr immerhin den 13ten. Finanziell scheint es zumindest einen positiven Trend zu geben. Die Nettoverschuldung hat sich unter Sullivan und Gold mit derzeit 77,46 Millionen Pfund zwar mehr als verdoppelt, 45,5 Millionen davon stammen aber von Krediten der Eigentümer selbst, für die West Ham momentan keine Zinsen zahlen muss. Positiv ist ebenfalls die Umsatzentwicklung des Klubs: dieser steigerte sich auf fast 90 Millionen Pfund in der Saison 12/13, womit die Irons den achten Platz in der Liste der umsatzstärksten Klubs in der Premier League belegen. Zudem erwirtschaftete der Verein zum ersten mal seit sieben Jahren einen Gewinn vor Zinsen und Steuern.

 

Ein neues Zuhause für West Ham

Der größte Erfolg in der Ära Sullivan und Gold bisher ist jedoch, das Olympiastadion als zukünftige Spielstätte gewonnen zu haben. Mit 54000 Zuschauern wird das neue Stadion knapp 20000 Fans mehr fassen als Boleyn Ground – West Hams traditionelle Heimstätte. Der Clou dabei ist: West Ham muss nur einen Bruchteil der kosten zahlen und zieht daraus einen immensen Vorteil gegenüber anderen Premier League Klubs. Etliche andere Vereine ,wie Chelsea und Everton, planen derzeit neue Stadien zu errichten oder, wie Liverpool und Tottenham, ihre aktuellen Arenen auszubauen.

Die größten Premier League Stadien
Die größten Premier League Stadien

Beide Varianten sind mit erheblichen Baukosten verbunden. Die Hammers müssen hingegen nur 15 Millionen Pfund für den Umbau des Olympiastadions zahlen, der Großteil der Baukosten, nämlich mehr als 200 Millionen Pfund, werden aus öffentlichen Geldern finanziert. Schon der Bau des Stadions für die Sommerolympiade 2012 verschlang 429 Millionen Pfund. Die ab 2016 zu zahlende Stadionmiete von 2,5 Millionen Pfund pro Jahr steht damit in keiner Relation zum eigentlichen Wert dieses Deals. Die Saison 15/16 wird damit die letzte Spielzeit im 1904 errichteten Boleyn Ground oder auch Upton Park genannten alten Stadion.

Das Olympiastadion 2012 "Blue Sky Over Olympic Stadium London 2012 Olympics 0250" by Duncan Rawlinson, CC BY-NC 2.0
Das Olympiastadion 2012
Quelle: „Blue Sky Over Olympic Stadium London 2012 Olympics 0250„, Duncan Rawlinson, CC BY-NC 2.0

Der Verein hat für seine neue Spielstätte, den Queen Elizabeth Olympic Park, einen Pachtvertrag über 99 Jahre unterschrieben und wird sich das Stadion ab 2016 mit dem britischen Leichtathletikverband teilen. Zu diesem Zweck wurde ein System entwickelt, dass die Unterränge im „Fußball-Modus“ näher an das Spielfeld bewegt und so die Laufbahn überdeckt – auch ein Grund für die hohen Umbaukosten. Bis es zu diesem Kompromiss kam dauerte es allerdings mehrere Jahre. Etliche Verbände und auch andere Fußballclubs, unter anderen Tottenham, reichten Konzepte für die Nutzung des Olympiastadions ein. Dank Karren Bradys Engagement fiel die Entscheidung aber auf West Ham United. Doch im Anschluss wurden Vorwürfe über persönliche Verstrickungen zwischen einer Mitarbeitern der Olympic Legacy Company und einem Vorstand West Hams laut, die schließlich zu einer Neuauflage des Bewerbungsverfahrens führte. Tottenham beauftragte in diesem Zusammehang  mehrere Privatdetektive, die aufgrund ihrer Vorgehensweise, später sogar selber vor Gericht stehen sollten. Nach insgesamt zweieinhalb Jahren erbitterten Kampfs wurde West Ham am 22. März 2013  ein zweites mal als die beste Option bestimmt und konnte sich des neuen Stadions nun endlich sicher sein.

Für West Ham scheint die Zukunft also nicht all zu schlecht auszusehen: engagierte Besitzer, die selber Fans sind, ein positiver Trend bezüglich der Finanzen und ein hochmodernes Stadion für kleines Geld. Sollten sie in den nächsten Jahren weiterhin solide im Mittelfeld der Liga abschneiden, könnten bestehende Schulden abgebaut und wieder mehr Geld in neue Spieler investiert werden. Vielleicht sehen wir West Ham United dann bald in der Europa League, womöglich gegen einen deutschen Club mit starkem Investor im Rücken.

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