Russisches Roulette – Schiedsrichter in den ersten vier WM-Spielen

WM-Schiedsrichter Rizzoli  "Mondiali 2014, sarà Rizzoli l’arbitro italiano in Brasile", Calcio Streaming, CC BY 2.0
WM-Schiedsrichter Rizzoli
Quelle: „Mondiali 2014, sarà Rizzoli l’arbitro italiano in Brasile„, Calcio Streaming, CC BY 2.0

Als Brasilien im Spiel gegen Kroatien einen fragwürdigen Elfmeter zugesprochen bekam, meinten manche schon zynisch, die FIFA wolle eine brasilianische Niederlage unbedingt verhindern, um keine allzu großen Unruhen während der WM aufkommen zu lassen. Das wäre schließlich schlechte Publicity und somit hinderlich fürs Geschäft. Doch diese Verschwörungstheorie wurde schon am nächsten Tag widerlegt: Brasiliens Gruppengegner Mexiko musste zwar mehr gegen den Schiedsrichter als gegen Kamerun ankämpfen, doch auch die anderen Begegnungen dieses Tages blieben nicht von Fehlentscheidungen verschont. Und schon bekam die Debatte eine neue Richtung: die Qualität der Schiedsrichter. Eigentlich kaum verwunderlich, gab es doch allein in den ersten vier Partien schon acht Situationen die das Spielgeschehen aufgrund von Entscheidungen der Unparteiischen komplett veränderten – oder eben nicht.

 

Das Eröffnungsdebakel

Niko Kovačs Tirade nach dem Spiel war zwar etwas polemisch, aber durchaus verständlich. Schließlich ging es ihm nicht nur um den viel besprochenen Elfmeter, sondern auch um die Situation kurz vor dem 3:1, die, von den meisten Kommentatoren, auch durch die ZDF-Experten, nach dem Spiel komplett ignoriert wurde. Bevor Oscar den Ball eher zufällig bekam, eroberte ihn Ramires durch ein hartes Einsteigen gegen Rakitič. Schon als Livebild, aber auch nach wiederholtem ansehen dieser Szene stellt sich die Frage, wie man so ein Foul nicht sehen kann. Beide Spieler werden von den Füßen gehoben und fallen zu Boden, der Ball jedoch kullert nur wenige Zentimeter von ihnen weg. Von „Ball gespielt“ kann hier gar keine Rede sein – ein klares Foul. Oscar schnappte sich anschließend den Ball und nutzte den freien Raum vor sich – das Ergebnis ist bekannt. Spielleiter Yuichi Nishimura machte am Donnerstag keine gute Figur und das ausgerechnet im Eröffnungsspiel. Dabei ist es nicht so, dass der Japaner keine Erfahrung hätte: schließlich pfeift er seit 15 Jahren in der ersten japanischen Liga. Zudem war Nishimura schon am Turnier in Südafrika beteiligt, leitete damals ein Gruppenspiel, ein Viertelfinale und war als vierter Offizieller im Finale aktiv. Die Olympischen Spiele 2012, Klubweltmeisterschaft und AFC Champions League runden seine Erfahrungen ab.

 

Mexiko vs Referee

Der nächste Tag begann mit der Partie Mexiko gegen Kamerun. Die Afrikaner waren für Mexiko allerdings kein ebenbürtiger Gegner. Wilmar Roldan dafür aber umso mehr, er verweigerte den Mexikanern gleich zwei reguläre Treffer und einen Foulelfmeter. In diesen Fällen war wohl weniger der Kolumbier Roldan, als vielmehr seine Assistenten an den Fehlentscheidungen schuld. Beide Abseitsenscheidungen hätten die Linienrichter so nie fällen dürfen. Die Mexikaner spielten jedoch ruhig weiter, gewannen letztendlich doch noch und errangen wichtige drei Punkte. Falls aber am Ende die Tordifferenz über Verbleib oder Ausscheiden aus dem Turnier entscheidet, wird die Kritik an den Schiedsrichtern, gerade aus Mexiko, sicherlich noch um einiges zu nehmen.

 

Ein 4:0 hätt’s auch getan

Noch einmal zurück zu Kroatiens Trainer Kovač, dieser sagte nach dem Eröffnungsspiel: „Wir hören besser auf und fahren nach Hause. Das FIFA-Logo ist Respekt, Respekt für beide Teams. Wir haben heute keinen erfahren.“ Dieser Aussage muss Nicola Rizzoli genau zugehört und sich überlegt haben: „Wenn schon unberechtigte Tore, dann auf beiden Seiten!“ So entstand das einzige Tor der Spanier durch einen unberechtigten Foulelfmeter, als Diego Costa ausrutschte und selbst bei Stefan De Vrij einfädelte. Im Gegenzug erkannte Rizzoli das 3:1 durch De Vrij an, obwohl Spaniens Torwart Iker Cassilas im Fünfmeterraum durch Robin van Persie behindert wurde. Das Argument, die Schiedsrichter der WM seien zu unerfahren, trifft zumindest auf Rizzoli keinesfalls zu. Er leitete unter anderem das Champions League Finale 2013, und trotzdem fällte er an diesem Abend ein paar gewichtige Fehlentscheidungen.

An beiden irregulären Toren beteiligt: Stefan De Vrij  "20121122_060", Robert Hertel, CC BY 2.0
An beiden irregulären Toren beteiligt: Stefan De Vrij
Quelle: „20121122_060„, Robert Hertel, CC BY 2.0
Es heißt Fußball, nicht hau den Chilenen

Tim Cahill fiel im Spiel Chile gegen Australien nicht nur durch sein Tor auf. Der australische Stürmer war ebenso beschäftigt die chilenische Defensive Platt zu machen, und das wörtlicher als man denken könnte. Ohne dem Ball auch nur nah zu sein stieß Cahill in der 43. Minute einen chilenischen Verteidiger um. Dabei hatte er Glück, denn Schiedsrichter Noumandiez Doue hatte seine Augen auf dem Ball und pfiff gerade ein Foul von Arturo Vidal. Vor dem folgenden Freistoß schien Cahill seine Meinung nun lautstark zu äußern und bekam kurz darauf Gelb. Ob Cahills Äußerungen der Grund war, oder Doue einen Hinweis von seinen Assistenten bekommen hat, ist unklar. Fest steht jedoch, dass der Australier für dieses rüde Foul eigentlich einen Platzverweis hätte bekommen müssen. Doue ist seit 2004 Schiedsrichter der FIFA, war bisher aber vor allem an afrikanischen Turnieren beteiligt, mit Ausnahme der Klubweltmeisterschaft 2011 und einigen Qualifikationsspiele für die Endrunden in Südafrika und Brasilien.

 

Vier Spiele, zwei Tage, und schon acht gravierende Fehlentscheidungen, diese WM könnte im negativen Sinn die Weltmeisterschaft der Schiedsrichter werden. Auf dem Papier haben zwar die europäischen Schiedsrichter mehr Erfahrung auf allerhöchstem Niveau. Aber sollte die FIFA deshalb mehr europäische Spitzenreferees zur WM berufen? Nein, zum einen ist es eine Weltmeisterschaft, folglich sollten auch die Unparteiischen aus allen Kontinentalverbänden stammen, zum anderen hat Rizzoli bewiesen, dass auch den besten europäischen Schiedsrichtern grobe Schnitzer unterlaufen können. Für diese WM lässt sich an der Berufung der Schiedsrichter eh nichts mehr ändern. Bleibt nur zu hoffen, dass die deutsche Mannschaft von diesem russischen Roulette verschont bleibt.

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