Die Herren des Spiels

Das Viertelfinale zwischen Brasilien und Kolumbien hat wieder einmal einen Schiedsrichter ins Rampenlicht gestellt. Sagenhafte 54 Fouls begangen beide Teams, gepfiffen wurden jedoch nur wenige und so ist Neymars ausscheiden auch dem Referee zu verdanken. Ihm entglitt schlicht weg das Spiel.

 

Das Scouting der FIFA nach guten Referees

Da die Unparteiischen bei dieser WM schon so oft im Fokus standen, lohnt sich ein Blick darauf, wie und wieso sie für dies Aufgabe ausgewählt wurden. Schon 2011 begann die FIFA während der Klub-Weltmeisterschaft in Japan nach geeigneten Schiedsrichtern Ausschau zu halten. Die Schiedsrichterkommission der FIFA legte in den nächsten Monaten eine vorläufige Liste mit den 52 besten Refereeteams vor. Jedes Team besteht dabei aus einem Chefschiedsrichter und zwei Assistenten. Wie auch der DFB, achtete die FIFA im Auswahlprozess sowohl auf Kenntnis der Regeln, als auch auf physische Fitness. Spielleiter auf diesem Niveau müssen nicht nur über eine exzellente Regelkenntnis verfügen und diese binnen Sekunden abrufen können, sondern auch topfit sein. Um die nötige Schnelligkeit und Ausdauer zu garantieren, legen FIFA Schiedsrichter zwei Fitness-Tests ab: Der erste Test besteht aus sechs 40m Sprints, die jeweils in 6,2 Sekunden absolviert werden müssen. Zwischen jedem Sprint ist eine Pause von einer Minute und 30 Sekunden vorgesehen. Der zweite Test verlangt, eine 150m Strecke in 30 Sekunden zurückzulegen, um in den nachfolgenden 35 Sekunden noch einmal 50m zu gehen. Dieser Vorgang wird insgesamt 20 mal wiederholt. Diese Tests zu bestehen ist enorm wichtig: Schiedsrichter laufen oft mehr als die Spieler und haben kaum Ruhezeiten während eines Matches. Neben Regelkunde und Fitness sind aber auch der Umgang mit den Spielern und natürlich die Leistungen in nationalen Ligen und internationalen Spielen entscheidend für die FIFA. Diese lud die Kandidaten mehrmals zu Schulungen ein, um sie intensiv auf die Weltmeisterschaft vorzubereiten. Noch in diesem Jahr trafen sich die Referees dreimal in Vorbereitung auf die WM. Eigentlich sollte also jedes der am Ende nominierten 25 Schiedsrichtertrios und 8 Support-Schiedsrichterduos genügend vorbereitet gewesen sein.

"Auf weiter Flur / Referee", CottonIJoe, CC BY-NC-SA 2.0
Auf weiter Flur / Referee„, CottonIJoe, CC BY-NC-SA 2.0

 

Kaum Erfahrung auf höchstem Level

Die Realität sieht da schon etwas anders aus. Während jeder der ausgewählten Spielleiter die physischen Anforderungen und theoretischen Regelkenntnisse erfüllt, fehlt es einigen einfach an Praxis auf höchstem Niveau. Da Schiedsrichter aus jedem Kontinentalverband beteiligt sein müssen, gibt es natürlich Qualitätsunterschiede. Ein Referee des ozeanischen Verbands hat wohl kaum so viel Spielpraxis, wie ein europäischer Schiedsrichter. Ganz zu schweigen vom Niveau der geleiteten Partien. Es ist dasselbe wie mit den Mannschaften: eine Weltmeisterschaft muss allen Regionen der Erde eine Chance zur Teilhabe gewähren. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist aber, dass während viele der Fußballprofis auf dem Platz mittlerweile in europäischen Topligen oder in Südamerika spielen, etliche Trainer aus etablierten Fußballnationen kommen und ihr Know-how weitergeben, die jeweiligen Schiedsrichter aber nur Partien der heimischen Verbände leiten. Sie reisen selten um die halbe Welt, um ihr Können in anderen Ländern zu testen und zu verbessern. Hinzu kommt, dass das Niveau der heimischen Ligen oftmals sogar durch eben diese Abwanderung der talentiertesten Spieler reduziert wird.

"Barra da Tijuca", Kenji Yamamoto, CC BY-NC-ND 2.0
Ausblick vom Hotel der Schiedsrichter in Rio de Janeiro „Barra da Tijuca„, Kenji Yamamoto, CC BY-NC-ND 2.0

 

Entwicklungshilfe für Schiedsrichter

Deshalb hat die FIFA im Jahr 2007 das „Referee Assistieren Programm“, kurz RAP, ins Leben gerufen, um die Qualität der Schiedsrichter anzugleichen, aber auch die Auslegung der Regeln zu vereinheitlichen. Das Ziel des Programms ist einen einheitlichen Standard, speziell im Hinblick auf Weltmeisterschaften, zu erreichen. Ob in den USA oder dem 209. FIFA-Mitglied Südsudan: das Programm sorgt für eine dringend notwendigen Erfahrungsaustausch innerhalb der Schiedsrichtergemeinde. Alle Ungleichheiten aber wird RAP nicht verändern können. Referees gehen neben ihrem Dasein auf dem Feld sehr oft einem regulären Beruf nach. Vor allem für die Fitness-Tests der FIFA benötigt es aber hartes Training – das die Schiedsrichter aber anders als Spieler – meist allein in ihrer Freizeit organisieren müssen. Die Europäer haben hier wieder einen Vorteil: als Schiedsrichter auf FIFA-Level verdient man bei weitem genug Geld, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So bekam ein offizieller deutscher FIFA-Referee in dieser Saison zum Beispiel ein Grundgehalt von 60.000 Euro, plus 3800 Euro Prämie pro Bundesligaspiel. Schiedsrichter aus afrikanischen Verbänden können wohl kaum auf eine so großzügige Vergütung (natürlich relativ zu den Lebenshaltungskosten des Landes) hoffen, um sich damit eine Doppelbelastung durch Beruf und Vorbereitung auf die WM zu ersparen.

Würden Referees also nur nach Qualität und Erfahrung ausgesucht, wären europäische Spielleiter daher meist im Vorteil. Das Schiedsrichterwesen ist in einfach Europa auf einem viel höheren Grad der Professionalisierung als im Rest der Welt. Bis sich das einmal ändert, dürfte noch eine Menge Zeit vergehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *