Das Herz und die Seele Bilbaos

Cantera, Lezama, San Mamés: drei Begriffe die für Athletics Vereinsphilosophie stehen und den Club zu dem machen was er ist: ein Stück baskische Kultur. Ohne San Mamés hätte Athletic kein Zuhause, keine Festung, keine Kathedrale. Ohne Lezama gäbe es keinen Nachwuchs, kein Training, keine Mannschaft. Ohne Cantera-Politik, würde Bilbao viel von seinem Charme und seiner Anziehungskraft verlieren. Ohne diese Institutionen wäre Der Verein nur ein Club unter vielen im Spanischen Profifußball. Doch sie existieren, und darum sind sie es wert einen Blick darauf zu werfen.

Vereinsitz in einer alten Villa, umringt von Neubauten "El despacho de los leones",  EsTeBaN MuRiLLo, CC BY-NC 2.0
Vereinsitz in einer alten Villa, umringt von Neubauten
„El despacho de los leones“, EsTeBaN MuRiLLo, CC BY-NC 2.0

 

Baskisch, Basque, Basque, vasco, euskal – die Cantera-Politik

Con cantera y afición, no hace falta importación, was etwa so viel heißt wie: mit einheimischen Spielern und Unterstützern gibt es keinen Grund für Importe, war und ist ein weit verbreitetes Motto im Baskenland und sozusagen der sportliche Ausdruck des baskischen Nationalstolzes. Athletic Bilbao verfolgt die Prämisse nur Basken, Spieler mit baskischen Vorfahren, oder im Baskenland ausgebildete Jugendspieler zu verpflichten. Das ist Bilbaos sogenannte Cantera-Politik. Cantera, der Steinbruch, ist ein Begriff, der im Spanischen benutzt wird, um auf Jugend- oder Farmtems zu verweisen. Es kann aber auch für geografische Regionen verwendet werden. In Athletic Bilbaos Fall sind dies die Provinzen Bizkaia, Gipuzkoa, Álava und Navarra in Spanien, sowie Labourd, Soule und Nieder-Navarra in Frankreich.

Die sieben Provinzen des Baskenlands - Athletics Cantera im weiteren Sinn "Euskal Herriko mapa koloreztatua", Theklan, CC BY-SA 3.0
Die sieben Provinzen des Baskenlands – Athletics Cantera im weiteren Sinn
Euskal Herriko mapa koloreztatua„, Theklan, CC BY-SA 3.0

Bilbao verfolgt diese Politik schon seit 1912, damals begnügte sich der Verein allerdings noch mit originär baskischen Spielern. Dies änderte sich jedoch 1969, als die Großelternregel eingeführt wurde. Athletic hatte seine frühere Dominanz in den 60ern schon längst verloren. Die beiden Vereine Real Madrid und FC Barcelona dominierten nun den spanischen Fußball. Ihnen blieb die Qualität baskischer Spieler natürlich nicht verborgen – Athletic zum Beispiel stellte nach Real Madrid die meisten Spieler der spanischen Nationalmannschaft – infolgedessen warben Real, Barcelona und auch Atlético Madrid etliche baskische Spieler ab. Aus diesem Grund musste Bilbao seine Cantera-Politik überdenken und weitete sie nun auf Spieler mit baskischen Vorfahren aus.

In den späten 80ern musste sich der Club dem immer stärker werdendem Druck der Liga anpassen und änderte seine Kriterien abermals. Der Club akzeptiert seitdem Spieler, welche lediglich ihre fußballerische Ausbildung im Baskenland erhalten haben. Doch das Bosman-Urteil von Dezember 1995, dass bis dahin geltende Ausländerregeln sprengte, verschärfte den Wettbewerbsdruck zusehends. Daraufhin  verpflichteten die Basken 1996 erstmals einen Franzosen. Obwohl es auch baskische Provinzen in Frankreich gibt, waren in der fast hundertjährigen Geschichte Athletics bis dahin alle Spieler spanischer Nationalität. Der Franzose Bixente Lizarazu blieb zwar nur ein Jahr, sein kurzes Intermezzo in Bilbao ebnete aber den Weg für Spieler wie Aymeric Laporte.

 

Lezama – das schlagende Herz des Vereins

Natürlich bilden die Rojiblancos, gemäß ihrer Vereinsphilosophie, auch eigene Jugendspieler aus. Ihr Jugendteam existiert seit 1961. 10 Jahre später eröffnete Athletic Lezama, eine der besten Fußballakademien Spaniens. Der Komplex, der circa 10 km von Bilbao entfernt ist, beherbergt, neben Athletics Jugendmannschaften, auch Bilbao Athletic, die Reserve der Rojiblancos. Athletics Frauenmannschaften residieren hier aber ebenso, wie auch die erste Mannschaft selbst. Die 14.760 Quadratmeter umfassende Anlage besteht unter anderem aus insgesamt sechs normal großen Fußballfeldern, einem überdachten Feld, einer Sporthalle und Wohnheimen. Zusätzlich befindet sich die medizinische Abteilung des Vereins und – typisch baskisch – ein Fronton, das Spielfeld des baskischen Nationalsports Pelota, auf dem Gelände.

Trainingseinheit in Lezama "Athletic Lezaman 3",  birasuegi, CC BY-SA 2.0
Trainingseinheit in Lezama
Athletic Lezaman 3„, birasuegi, CC BY-SA 2.0

Nach den Krisen des neuen Jahrtausends erkannte die Vereinsführung, das Änderungen notwendig waren, wollte Bilbao nicht absteigen. Dies betraf natürlich auch Lezama, den Kern Athletic Bilbaos. Also legten die Verantwortlichen Txema Noriega, Félix Sarriugarte, Edorta Murua und Kike Liñero im Jahr 2005 ein neues Programm zur Spielerentwicklung auf und überarbeiteten Methodik, Analyse, Planung und Entwicklung des clubinternen Trainings.

Athletics Cantera erstreckt sich übrigens weit über die Grenzen Lezamas hinaus. Die Löwen haben riesiges ein Netzwerk von circa 170 Clubs aufgebaut, denen Bilbao pädagogische, administrative und finanzielle Unterstützung im Austausch für potentielle Toptalente zusichert. Zudem befinden sich weitere 13 in der Bizkaia verstreute Trainingszentren für Kinder unter neun Jahren. Die Mannschaften dieser Mini-Lezamas trainieren von Oktober bis Juni, treten gegeneinander an und werden von den Trainern des Clubs beobachtet. Aussichtsreiche Kandidaten können darauf hoffen, in der nächsten Saison in Lezama aufgenommen zu werden. Sobald sie aufgenommen wurden, geht es in den nächsten Jahren darum, „autonome und selbst denkende Spieler“ aus ihnen zu schmieden, die während des Spiels abwägende und zugleich instinktive Entscheidungen fällen.

Jugendspiel  "Athletic de Bilbao - Atletico de Madrid",  Arousa Futbol 7, CC BY-NC-SA 2.0
Jugendspiel
Athletic de Bilbao – Atletico de Madrid„, Arousa Futbol 7, CC BY-NC-SA 2.0

 

Real Sociedad – das baskische Derby

Athletic Bilbaos größter Rivale, Real Sociedad, residiert in San Sebastian, ungefähr eine Autostunde von Bilbao entfernt. Das baskische Derby ist nicht nur das Duell zweier Vereine und Städte, sondern auch Ausdruck der Rivalität zweier Regionen, der Provinzen Bizkaia und Gipuzkoa. Erstmals ausgespielt wurde der Klassiker, zwischen den zwei wichtigsten Fußballclubs des Baskenlands, im April 1909. In der über 100 jährigen Geschichte des Derbys konnte sich keiner der Vereine klar absetzen: von 134 ausgetragenen Matches gewann Bilbao 56 Partien und spielte 33 mal Unentschieden. In der letzten Saison konnte sich Sociedad zum Leidwesen Bilbaos zu Hause durchsetzen und den Rojiblancos in San Mamés ein Remis abringen.

Das Verhältnis beider Clubs zueinander unterliegt zwar einem periodischen Auf und Ab, ist aber bei weitem nicht so feindselig wie das manch anderer Rivalen. Ein Höhepunkt dieser Beziehung war sicherlich das Derby im Dezember 1976, zur Zeit der Transición nach Francos Tod. Die Kapitäne Iribar und Ignacio Korbarria liefen gemeinsam zur Eusko Gudariak, der Hymne der baskischen Armee zur zeit des spanischen Bürgerkriegs, ein und platzierten die baskische Flagge in der Mitte des Spielfelds. Ein heikler Akt, denn die Flagge war zu diesem Zeitpunkt noch als sezessionistisches Symbol verboten. Vor diesem Hintergrund des Zusammehalts zwischen den Basken feierten Bilbaos Fans die Meisterschaft Real Sociedads von 1981 wie die eigene.

Aufnahme im Museum Real Sociedads. Links ist die baskische Flagge zu sehen. "Museo Real Sociedad",  tunelko, CC BY-NC-SA 2.0
Aufnahme im Museum Real Sociedads. Links ist die baskische Flagge zu sehen.
Museo Real Sociedad„, tunelko, CC BY-NC-SA 2.0

Ein Tiefpunkt hingegen war der Wechsel Joseba Etxeberrias von Sociedad zu den Rojiblancos im Jahr 1995. Der Wechsel des jungen Basken vergiftete das Klima zwischen beiden Clubs nachhaltig. Real Sociedad verfolgte bis 1989 eine Cantera-Politik ähnlich der Bilbaos, änderte sie jedoch zugunsten größerer Flexibilität. Der Grund für Sociedads Gesinnungswechsel lag größtenteils  innerhalb des Baskenlands – am Rivalen Bilbao. Da Athletic ebenso eine Cantera-Politik verfolgte, aber der größere der beiden Vereine war, wechselten, so wie Etxeberria, Spieler immer wieder nach Bilbao. Real und Athletic teilten sich einen sehr begrenzten Pool an baskischen Talenten, Bilbao hatte jedoch meist die Nase vorn und Sociedad musste seine Cantera-Politik aufgeben. Neben Sociedad mussten und müssen auch etliche andere baskische Vereine immer wieder Spieler an Athletic abgeben, weswegen Bilbao oft der Vorwurf gemacht wird, in anderen Canteras zu wildern.

 

„Bilbao ohne San Mamés wäre wie Paris ohne den Eiffelturm“

Als am 20. Januar 1913 die Grundsteinlegung der längerfristigen Spielstätte Athletics begann, konnte keiner der Clubmitglieder ahnen, dass das San Mamés für die nächsten hundert Jahre die Heimat der Rojiblanco und damit die älteste Spielstätte der Primera Division sein würde. Zumindest bis in den Mai letzten Jahres, denn in diesem Monat fand das letzte Ligamatch im altehrwürdigen San Mamés statt, das in einer wenig erfreulichen Niederlage gegen UD Levante endete. Das Stadion erhielt seinen Namen übrigens wegen der Nachbarschaft eines Armenheims mit angeschlossener Kirche, die dem Heiligen San Mamés gewidmet war. San Mamés war ein früher Christ, den römische Soldaten den Löwen zum Fraß vorwerfen wollten. Doch er besänftigte die Löwen und sie verschonten ihn. Aus diesem Grund wurde das Stadion auch la catedral und die Mannschaft los leones genannt.

Vor der Zeit San Mamés spielte die Mannschaft noch auf einer ehemaligen Pferdebahn in Lamiako im Umland Bilbaos und später in Josaleta, wo den Fans erstmals eine überdachte Tribüne zur Verfügung stand. Die Kathedrale wurde – getreu dem starken angelsächsischem Einfluss in Bilbao – im Stile eines englischen Stadions gebaut und fasste ursprünglich etwa 7000 Zuschauer. Im Laufe der Zeit wurde das Stadion umgebaut und erweitert bis zuletzt 40.000 Zuschauer Platz fanden. Der wichtigste Umbau fand im Jahr 1953 statt, als die Haupttribüne umgestaltet und mit der größten Stahlbeton-Überdachung Europas ausgestattet wurde. Das Dach wurde nun von einem Bogen umspannt, der zum Wahrzeichen des San Mamés werden sollte. Der Führung des Clubs war dieses Wahrzeichen sogar so wichtig, dass sie sich entschlossen, den Bogen vor Abriss des alten Stadions abzutragen und ihn als Denkmal an einer anderen Stelle wieder aufzustellen. Der ehemalige Spieler und Trainer Athletics, Luis Fernández, fasste die immense Bedeutung des Stadions zusammen in den Worten: „Bilbao ohne San Mamés wäre wie Paris ohne den Eiffelturm.“

 

La nueva catedral

Am 26. Mai 2010 erfolgte der Spatenstich des neuen Stadions. Hinsichtlich der langen Tradition der alten Spielstätte begann die Grundsteinlegung mit Erinnerungsstücken: ein Teil des Rasens und ein paar Ziegel der Fassade wurden in das neue San Mamés integriert. Auch geografisch sind sich beide Orte ganz nah: das neue Stadion entstand direkt neben der alten Wettkampfstätte. Eine der Tribünen befindet sich sogar dort, wo das alte Stadion früher stand. In einem Punkt liegen beide Stadien aber Welten entfernt: den Baukosten. Wurde 1913 noch die Summe von 50.000 Peseten, also umgerechnet, heutzutage 302 Euro, für den Bau veranschlagt, kostet das neue San Mamés 211 Mio Euro. Etwa die Hälfte davon wurde von öffentlichen Trägern, wie der Stadt Bilbao, der Provinz Biskaia und der baskischen Regierung bezahlt, die allesamt Miteigentümer des Stadions sind. Noch können sich die Baukosten aber steigern, da das Stadion erst im März 2015 komplett fertiggestellt wird. Spiele finden darin jedoch schon seit dem 16. September 2013 statt, als Athletic 3:2 gegen Celta Vigo gewann. Nach Beendigung der Bauarbeiten werden 53.332 Zuschauer in der neuen Kathedrale Platz finden.

Außenansicht des neuen San Mamés "San Mamés - Durante partido contra el Napoles",  Alberto Varela, CC BY-NC-SA 2.0
Außenansicht des neuen San Mamés
„San Mamés – Durante partido contra el Napoles“, Alberto Varela, CC BY-NC-SA 2.0

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