Athletic Bilbao – Der erste Meister Spaniens

Kaum ein Verein ist so mit seiner Region verbunden wie Athletic Bilbao. Schon ein Blick auf den Kader des achtfachen Meisters zeigt: bis auf einen Spieler befinden sich nur Spanier in den Reihen des baskischen Clubs. Genau darin liegt das Herz und die Seele des Vereins, denn um genau zu sein sind es nicht nur Spanier, sondern allesamt im Baskenland verwurzelte Menschen, die für Athletic auflaufen. Das ist Bilbaos Cantera-Politik. Das ist die Besonderheit Bilbaos.

Athletic hat eine äußerst erfolgreiche Clubhistorie vorzuzeigen. Der Club ist zum Beispiel einer von nur drei Vereinen, die nie aus der Primera Division, also der ersten spanischen Liga, abgestiegen sind. Nur Real Madrid CF und der FC Barcelona können dies ebenfalls von sich behaupten. Um einen Einblick in die über hundertjährige Historie des Clubs zu erlangen, beleuchtet der erste Part der dreiteiligen Serie über Athletic Bilbao die Geschichte des Vereins von der Gründung bis zur Jahrtausendwende.

 

Ein neuer Sport im Baskenland

Im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt Bilbao zu einem wichtigen Industriezentrum und Umschlagplatz für die Güter der Region. Im Zuge der Industrialisierung siedelten sich Werften und Stahlwerke an,  Eisenminen öffneten ihre Pforten und Banken gründeten örtliche Filialen. Diese Entwicklung hatte zwei Effekte, die für die Etablierung des Fußballs enorm wichtig waren: zum einen ein wachsendes Großbürgertum, dass seine Kinder zum studieren nach England schickte, und zum anderen eine stetige Immigration vornehmlich englischer Arbeiter und Spezialisten. Eben jene englischen Hafen- und Minenarbeiter brachten den Fußball nach Bilbao und gründeten in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts den Bilbao Football Club.

Schiff im Hafen Bilbaos "Puerto de Bilbao",  Teresa Avellanosa, CC BY 2.0
Schiff im Hafen Bilbaos
Puerto de Bilbao„, Teresa Avellanosa, CC BY 2.0

Während die englischen Arbeiter nach Bilbao zogen, gingen die Sprösslinge der baskischen Bourgeoisie den umgekehrten Weg, um ihre Ausbildung dort zu beenden. Die bessere Bildung war aber nur ein Grund für die Auslandsaufenthalte. Bilbaos Bürgertum war zu jener Zeit verrückt nach allem englischen. So wundert es nicht, dass die Rückkehrer den neuen Sport ebenfalls mit sich brachten. 1998 trafen sich 33 dieser jungen Männer und formten ein Team, dass sich am fünften April 1901 offiziell als Athletic Club konstituieren sollte.

 

Der erste spanische Meister

Beide Clubs wurden schnell zu Rivalen und spielten vor bis zu 3000 Zuschauern gegeneinander. Als Alfonso XIII 1902 zum neuen König Spaniens gekrönt wurde, war dies ein willkommener Anlass ein erstes nationales Fußballturnier zu veranstalten, den Copa de la Coronación. Bilbao FC und Athletic Club traten zu diesem Turnier gemeinsam an. Unter dem Namen Bizcaya gewannen sie den Pokal, der später zur Copa del Rey werden würde, nach einem 2:0 Sieg gegen Barcelona. Nur ein Jahr später löste sich Bilbao FC auf, um komplett im Athletic Club aufzugehen. Während sich Bilbaos lokale Clubs vereinten, gründeten drei baskische Studenten in Madrid einen neuen Ableger, den Athletic Club de Madrid, der heutzutage unter dem Namen Atlético Madrid bekannt ist. In den nächsten zehn Jahren wurde Bilbao durch den Gewinn der Copa del Rey vier mal spanischer Meister, 1904 kurioserweise ohne ein einziges Spiel bestritten zu haben. Athletics Herausforderer stritten sich so sehr, dass am Ende niemand antrat den Meister zu besiegen.

Athletic im Jahr 1903
Athletic im Jahr 1903

 

Rot-Weiß gestreift, bitte!

Anfangs spielte Athletic noch in blau-weiß, dass den Trikots der Blackburn Rovers nachempfunden war. Da immer noch etliche baskische Studenten nach England gingen, war es einfacher dort Trikots zu kaufen, als diese in Spanien herstellen zu lassen. Auf diesem Wege soll Athletic zu seinen heutigen Clubfarben gekommen sein. Der Student Juan Elorduy wurde im Winter 1909 beauftragt, 25 neue Hemden im Stile der Blackburn Rovers zu beschaffen. Im Süden Englands konnte er jedoch nicht genügend Jerseys finden und musste nach Ersatz suchen. Glücklicherweise spielte aber der örtliche Club, Southampton FC, in rot und weiß, den traditionellen Farben der Stadt Bilbao. Elorduy kehrte mit 50 Trikots zurück, von denen 25 an Athletic Madrid abgegeben wurden. Seitdem spielt Bilbao zu Hause in rot-weiß gestreiften Hemden, auswärts hingegen nutzt der Verein immer noch die Farbkombination blau-weiß.

Die Könige des Pokals

Die erste Copa Del Rey wurde wie schon erwähnt 1902 als Copa de la Coronación ausgetragen. Team Bizcaya gewann und der damals eroberte Pokal kann noch immer imVereinsmuseum Athletics bewundert werden. Der offizielle Name der Copa del Rey änderte sich in den folgenden Jahrzehnten je nach Regierungsform und Machthaber und spiegelte dadurch auch immer die politischen Machtverhältnisse wider. Überspitzt könnte man sagen, die Geschichte des Pokals erzählt die Geschichte Spaniens: von der Monarchie, über die Republik und dem spanischen Bürgerkrieg, hin zur Franco-Diktatur und wieder zurück zur Monarchie. Dem folgend lautete der offizielle Name des spanischen Pokalwettbewerbs im Laufe der Zeit: Copa de S.M. El Rey Alfonso XIII , Copa del Presidente de la República, Copa de España Libre, Copa de S.E. El Generalísimo und zuletzt Copa de S.M. El Rey Don Juan Carlos I.

Athletic Bilbao konnte diesen Wettbewerb insgesamt 23 mal gewinnen, wobei ihr erster Triumph als Team Biscaya vom spanischen Verband nicht anerkannt wird. Bilbao selbst zählt – wenig verwunderlich – natürlich 24 Siege. Nur der FC Barcelona war mit 26 Pokalsiegen erfolgreicher, Real Madrid hingegen kann gerade einmal 19 Copas sein eigen nennen. Allein in den zehn Jahren von 1911 bis 1921 eroberte Bilbao den Pokal fünf mal. In den 30ern und auch nach dem Bürgerkrieg setzten sie ihre Erfolge fort. In den 50ern hatten sie ebenso einen guten Lauf und sicherten sich die Trophäe vier mal. Die Mannschaft wurde zu den Königen des Pokals. Der spanische Journalist Monchin drückte es damals so aus: „Das Finale wird zwischen Athletic und einem anderen Team ausgetragen.“ Der Sinn dieser Aussage wird deutlich, wenn man betrachtet, dass die Rojiblancos bisher unglaubliche 38 mal im Finale der Copa del Rey standen. Doch mit den 50ern endeten die wirklich glorreichen Zeiten im Pokal. Der letzte Triumph Athletics ist mittlerweile schon 30 Jahre her. 1984 konnten die Löwen den Pokal zum letzten mal in Händen halten.

 

Die ersten Jahre La Liga – oder – Bilbao und die anderen

Als am 10. Februar 1929 der Anpfiff der spanischen Primera Division erfolgte, bestand die Liga aus zehn Mannschaften: neun, die schon ein Copa-Finale bestritten und dem Gewinner eines Ausscheidungsturniers. Neben Athletic Bilbao traten drei weitere baskische Vereine an, später stieß sogar noch ein weiterer hinzu. Bilbao dominierte die ersten Jahre der Liga und wurde 1930, 1931, 1934 und 1936 spanischer Meister. 1930 und 1931 holten die Basken sogar das Double.Dies lag zweifellos an Fred Pentland, der von 1922-1925 und 1929-1934 Trainer Bilbaos war. Athletic hatte eine Tradition, Trainer aus dem Mutterland des Fußballs zu engagieren – der englische Einfluss aus den Anfangsjahren des Vereins hielt somit an. Schon die Siegesserie der 10er Jahre in der Copa del Rey fand unter dem englischen Trainer Barnes statt. So wie englische Arbeiter einst den Fußball importierten, führten er und Pentland neue Ideen und Spielweisen ein. Pentland, der vor Ausbruch des ersten Weltkriegs übrigens die deutsche Olympiamannschaft trainieren sollte, brachte das Kurzpassspiel mit sich und sammelte in seiner Zeit in Bilbao 12 Titel. Athletic spielte so stark, dass sie 1930 ungeschlagen Meister wurden. In der darauf folgenden Saison fügten die Basken dem FC Barcelona die höchste Niederlage der Clubgeschichte zu: ein 12:1 für Bilbao. Dieses Spiel markiert ebenso den höchsten La Liga Sieg aller Zeiten. Doch die glanzvollen Zeiten endeten 1936. Nur drei Monate nach dem Gewinn des vierten Ligatitels brachte der spanische Bürgerkrieg den Fußball  zum erliegen.

Die Meistermannschaft von 1931
Die Meistermannschaft von 1931

 

Atlético Bilbao

Nach Ende des Krieges musste Bilbao ein komplett neues Team auf die Beine stellen, da nur noch  fünf Spieler der Vorkriegsmannschaft zur Verfügung standen. Um geeignete Spieler zu finden, veranstalteten die Verantwortlichen des Vereins ein Turnier. Gesucht wurden vor allem junge Spieler, daher durften nur Mannschaften mit mindestens fünf Spielern unter 17 Jahren teilnehmen. Nicht nur die Mannschaft, sondern auch der Name des Clubs änderte sich. Durch ein Dekret Francos aus dem Jahre 1941 waren nur noch spanische Namen zugelassen, aus Athletic wurde nun Atlético. Nichtsdestotrotz war Bilbao sehr erfolgreich in den nächsten Jahren, bis 1952 gewannen die Rojiblancos in Liga und Pokal fünf Titel und belegten ebenfalls fünf mal den zweiten Platz in beiden Wettbewerben. Weitere Titel folgten.

Doch nach dem Ende der 50er wurde es für Bilbao immer schwieriger mit Barcelona und vor allem Real Madrid Schritt zu halten. Beide Vereine warben immer mehr ausländische Spieler an und das, obwohl die Anzahl ausländischer Spieler eigentlich sehr stark reglementiert war. Ihr einfacher Trick: Einbürgerung. Nur deshalb konnte sich Real Madrid mit Legenden wie dem Argentinier Alfredo Di Stefano oder dem Ungarn Ferenc Puskás verstärken. Zudem hofierte das Franco-Regime den Hauptstadtclub im Vergleich zu Bilbao oder Barcelona regelrecht, da beide aus Regionen mit starkem Nationalstolz und eigenständiger Sprache stammten. In Barcelona hat sich daraus sogar eine eigene Erinnerungskultur an vermeintlich politisch motivierte Benachteiligungen durch Schiedsrichter entwickelt.

1975 starb Franco und in Spanien begann die Zeit der Transición. Nach über 30 Jahren konnte Bilbao nun wieder zu seinem alten Namen zurückkehren. Aus Atlético wurde wieder Athletic. Der englische Einfluss der Bilbao vor allem bis vor den Bürgerkrieg auszeichnete wurde nun wieder sichtbar. Mit ihrem alten Namen gelangte den Rojiblancos 1977 fast der Gewinn des UEFA Cups. Doch am Ende blieben sie erfolglos. Juventus Turin siegte am Ende aufgrund der Auswärtstorregel.

 

Die letzten großen Erfolge

Die Ernennung Javier Clementes als Cheftrainer 1981 beendete Bilbaos 27 Jahre lange Durststrecke in der Liga. Der Baske formte ein Team um die Spieler Andoni Zubizarreta, Andoni Goikoetxea und Manu Sarabia. Vor allem Goikoetxea verkörperte den aggressiven Spielstil, der den Löwen 1983 sogar den Titel bescherte. Eisen und Stahl hatte Bilbao einst reich gemacht, nun beförderte es die triumphierenden Champions zurück in die Stadt. Auf einer eisernen Barke, welche Athletic getauft wurde, schwomm das Team nach Bilbao. Die Idee dazu fanden die Verantwortlichen übrigens in einem Lied aus den dreißigern, in dem ein kleines Schiff erwähnt wird – dass für Bilbao spätestens 1983 zum Symbol des Erfolgs wurde.

Athletics Meisterkahn "gabarra athletic",  Fernando Insausti, CC BY-NC-SA 2.0
Athletics Meisterkahn von 1983
gabarra athletic„, Fernando Insausti, CC BY-NC-SA 2.0

Im folgenden Jahr gewannen die Rojiblancos sogar das Double. Nach Clementes Abschied versuchten sich in den Jahren 1986 bis 1996 zehn verschiedene Coaches auf dem Trainerstuhl in Bilbao, unter anderem auch Jupp Heynckes. 1998 konnte  Athletic Bilbao sein hundertjähriges Jubiläum mit einem zweiten Platz in der Primera Division feiern. Es ist das bis heute beste Ergebnis der „jüngeren“ Vergangenheit. Die folgenden Jahre brachten den Club näher an den Abstieg als an den Ligatitel.

 

Die kleine Ente – Athletics Größte

Große Erfolge bringen berühmte Spieler hervor. Oder andersherum. Was auch immer zuerst da war, die Geschichte der Rojiblancos ist unweigerlich mit einigen der größten Spieler Spaniens verknüpft Da wäre zum Beispiel Rafael Moreno Aranzadi, genannt Pichichi. Er war Spaniens erster Fußballstar. Pichichi bedeutet übrigens so viel wie kleine Ente, doch trotz des putzigen Spitznamens war Aranzadi brandgefährlich – zumindest für die Gegner der Rojiblancos. In den Jahren 1911 bis 1921 erzielte er unglaubliche 468 Tore in nur 267 Spielen. Allein im Copa del Rey Finale 1915 netzte er drei mal ein und sicherte  den Pokal damit fast im Alleingang. Für Athletic wird er aber auch in Erinnerung bleiben durch das erste Tor im altehrwürdigen San Mamés. Pichichi starb leider schon 1922 im Alter von 29 Jahren an Typhus. Ihm zu Ehren vergibt die Sportzeitung Marca jedes Jahr die Pichichi Trophäe für den Torschützenkönig der Primera und der Segunda Division. Mittlerweile befindet sich der Begriff pichichi sogar im offiziellen spanischen Wörterbuch.

Rafael Moreno Aranzadi - auch Pichichi genannt
Rafael Moreno Aranzadi – auch Pichichi genannt

Die Sportzeitung Marca hat einem anderen Spieler Bilbaos aber ebenfalls mit einer eigenen Trophäe bedacht: Telmo Zarraonandia Montoya, seines Zeichens bester Torschütze der Primera Division.Von 1940 bis 1955 erzielte der meist nur Zarra genannte Stürmer 252 Treffer in 278 Partien für Bilbao. In der Saison 1950/51 stellte er den Rekord von 38 Treffern auf, der erst 60 Jahre danach von Christiano Ronaldo übertroffen wurde. Die von Marca herausgegebene Trophäe ehrt übrigens den spanischen Spieler mit den meisten Toren.

Athletic brachte noch wesentlich mehr berühmte Spieler  hervor, einige von ihnen spielten über 15 Saisons bei den Rojiblancos und blieben ein Leben lang. So spielte José Ángel Iribar Kortajarena 614 Begegnungen für Bilbao, Etxeberria 514 und Gainza trug das rot-weiß gestreifte Trikot für unglaubliche 20 Jahre. Etxeberria fühlte sich übrigens so sehr mit Athletic verbunden, dass er im Oktober 2008 sogar das Angebot machte, seine letzte Saison 2009-2010 umsonst zu spielen.

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